Tag des offenen Denkmals

550 Jahre Zunftstube der Rebleute

Bald ist es soweit. Am 8. September findet wieder in ganz Deutschland der Tag des offenen Denkmals statt, der bundesweit durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz koordiniert wird. Kommunale, aber auch viele in Privatbesitz stehende Denkmale öffnen für das interessierte Publikum ihre Pforten und geben Einblick in ihre historischen Räumlichkeiten.

Ob die Humpis jemals Ravensburger Wein getrunken haben, weiß wohl niemand mehr, aber der Weinbau hatte in Ravensburg eine jahrhundertalte Tradition mit großer wirtschaftlicher Bedeutung. Hierfür waren die Rebleute zuständig, die sich um ca. 1350 zu einer Zunft zusammengeschlossen haben. Im Jahre 1469 – also vor genau 550 Jahren - baute die Zunft in der heutigen Schulgasse 15 ein großzügiges Zunftgebäude mit einer Zunftstube, die von einer imposanten gewölbten Bohlenbalkendecke überspannt wird. An dieses denkwürdige Ereignis soll am Tag des offenen Denkmals im Rahmen einer Ausstellung in der Zunftstube (1. OG) und im Erdgeschoss erinnert werden.

Das Gebäude befindet sich seit Ende 2015 im Besitz der Brüder des verstorbenen Sternekochs Albert Bouley, der bis zu seinem Tod in der Zunftstube ein schickes Restaurant betrieb.

Das Rebleutehaus sowie insbesondere die Zunftstube haben trotz ihrer bewegten Geschichte die letzten 550 Jahre nahezu unbeschadet überstanden. Woran lag’s? Da der Weinbau in Ravensburg zunehmend seine Bedeutung verlor, hatte die Zunft keine finanziellen Mittel mehr, das Haus zu ertüchtigen. Im Jahre 1810 musste die Zunft ihre Zahlungsunfähigkeit erklären und den Stadtrat bitten, das Zunfthaus veräußern zu dürfen. Erst im zweiten Anlauf klappte „der öffentliche Abstreich“ im Jahre 1827. In den nächsten knapp hundert Jahren wechselten alle paar Jahre die Eigentümer, bei denen eher der Kommerz im Vordergrund stand. Die Zunftstube wurde in mehrere Wohnkammern mit einem zentralen Abort im Nachbarhaus unterteilt, wobei die historische Gewölbedecke – glücklicherweise – nur durch mehrere aufgesetzte Holzplatten „begradigt“ wurde. Die große Halle im Erdgeschoss, in der ursprünglich die Gerätschaften der Rebleute lagerten, diente als Holzlager für die Bewohner und später als Pferdestall. Die Historie des Hauses und die Existenz einer Zunftstube gerieten mit den Jahren völlig in Vergessenheit.

Dann kam das Jahr 1919. Die III. Württembergische Freiwillige Sanitätskolonne Ravensburg ersuchte den „Verehrlichen Bezirksrat Ravensburg“ um die Anschaffung des ersten Sanitätsautomobils. Mangels Geldes und Chauffeuren wurde mit der Stadt folgende Vereinbarung getroffen: Eigentümer des Sanitätsautos ist die Stadt Ravensburg, begleitende Sanitätsdienste werden durch die Sanitätskolonne gestellt, Chauffeur und für die Betriebsfähigkeit des Automobils verantwortlich ist der benachbarte Waldhornwirt Albert E. Dressel. Am 11. August 1919 bestätigte das Autohaus Ernst Sommer die Bestellung bei der Firma Benz & Co. Weil eine Garage für das teure Sanitätsauto her musste und gleichzeitig auch die Freiwillige Feuerwehr eine Unterstellmöglichkeit für ihre erste Automobilfeuerspritze benötigte, erwarb die Stadt im Jahr darauf das „Snep’sche Haus“ in der Schulstraße 15 für 55.000 Reichsmark (heute Rebleutehaus) und baute die große Halle im EG in eine Zweiergarage mit Lagermöglichkeiten für die Betriebsstoffe um. Ablichtungen der Vereinbarung mit der Stadt, des Bestätigungsschreibens vom Autohaus Sommer, des neu angeschafften Sanitätsautos und der Umbaupläne des Städtischen Hochbauamtes in eine Zweiergarage und noch vieles mehr aus der 550-jährigen Geschichte des Rebleutehauses werden in der Ausstellung gezeigt.

Zehn Jahre später bat das Rote Kreuz um Wach- und Übungsräume und schlug das Zusammenlegen mehrerer Wohnkammern im 1. OG des Rebleutehauses vor. Bei den Umbauarbeiten kam dann zur großen Überraschung aller die in Vergessenheit geratene Zunftstube mit ihrer spätgotischen Gewölbedecke zum Vorschein.

Zum Gelingen der Ausstellung im Rebleutehaus haben viele mitgewirkt:

Alfred Mühlegg, Betreuer des Archivs des DRK-Ortsvereins in der Ulmer Straße, Ulrich Göggelmann, Leiter des Feuerwehrmuseums im Salzstadel, und die Kuratorin Katharina Blümling des Museums Humpis-Quartier stellten historische Dokumente und Fotos für die Schautafeln zur Verfügung gestellt. Wichtige Impulse zur 550-jährigen Geschichte des Rebleutehauses, der Rebleutezunft und des Weinbaus in Ravensburg sowie Transkriptionen mittelalterlicher Schriften kamen von Frau Beate Falk, Archivarin im Stadtarchiv Ravensburg, und vom bekannten Ravensburger Historiker Dr. Alfred Lutz. Der junge Graphikdesigner Luis Dilger hat die unterhaltsame Gestaltung der Schautafeln übernommen. Hans-Heiner Bouley, der die Ausstellung im Rebleutehaus koordiniert, äußerte sich begeistert über das große fachkundige Engagement aller Mitwirkenden und insbesondere die gut sortierten Archive.

Wer facettenreiche Ravensburger Geschichte hautnah und illustrativ erleben will, dürfte an diesem Tag voll auf seine Kosten kommen. Mitwirkende und die Besitzer sind präsent und freuen sich auf interessante Begegnungen.

gez. Hans-Heiner Bouley

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